2.7.2008
Berliner Morgenpost
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Erstmals seit 2001 gibt es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber.
Aber viele haben Defizite beim Rechnen, Schreiben und Lesen
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Marcus Meinert lernt in Berlin Metallbauer in der Fachrichtung Metallgestaltung
Foto: Christian Kielmann |
"Was unterscheidet den Schmied vom Schlosser?" - "Wie groß ist die Fläche eines Kreises mit 700 Millimeter Durchmesser?" - "Ein Auto kostet 21 000 Euro. Der Mehrwertsteuersatz beträgt 19 Prozent. Wie hoch ist der Mehrwertsteueranteil?" "Die letzte Frage hat noch kein Bewerber richtig beantwortet", sagt Stefan Fittkau (41).
Fittkau ist Chef einer Metallbaufirma in Berlin mit 50 Beschäftigten. Jedes Jahr sucht er drei Auszubildende für den Beruf des Metallbauers, Fachrichtung Metallgestaltung, früher nannte sich das Kunstschmied. Eine gute Konstitution sollen die künftigen Schmiede haben und gute Leistungen in Naturwissenschaften mitbringen, so steht es in der Anzeige, die er schon ein Jahr vor dem Beginn des Ausbildungsjahres im Herbst schaltet. Fittkau macht sich früh auf die Suche. "Die Guten sind sonst weg."
In diesem Jahr ist der Kampf um die "Guten" noch härter als sonst. Jahrelang waren es die Jugendlichen, die um einen der raren Ausbildungsplätze kämpfen mussten. Nun sind es die Firmen, die um die guten Lehrlinge kämpfen müssen. Die Zahl der Schulabgänger sinkt, zugleich steigt die Nachfrage in den Betrieben, weil die Konjunktur gut läuft. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) Ludwig Georg Braun, rechnet damit, dass es erstmals seit 2001 wieder mehr Ausbildungsplätze als Bewerber geben wird.
KAMPF UM DIE GUTEN WIRD HÄRTER
In boomenden Großstädten wie München oder Frankfurt kommen mittlerweile auf jeden Ausbildungsplatzsuchenden zwei Stellen. Und in Ostdeutschland wirkt sich der Geburtenknick nach der Wende nun voll aus. Immer mehr Unternehmen berichteten inzwischen, keine geeigneten Bewerber für ihre Lehrstellen zu finden, erklärte Braun. Schon 2007 konnten 15 Prozent der Betriebe nicht alle Lehrstellen besetzen - sie fanden keine geeigneten Bewerber. Jeder fünfte Schulabgänger hat Defizite beim Lesen, Schreiben oder Rechnen.
Davon kann auch Fittkau ein Lied singen. "Ohne Mathematik geht es in diesem Beruf nicht", sagt der Firmenchef, der selbst einmal Kunstschmied gelernt hat. "Mit einer Vier oder Fünf in Mathematik ist das sinnlos." Fittkaus Metallbaufirma im Osten Berlins, hervorgegangen aus dem VEB Kunstschmiede Berlin, hat sich auf kunstvolle Schmiedearbeiten spezialisiert. In der Werkstatt in Weißensee entstehen Türgriffe für das Luxushotel "Adlon" und Edelstahlständer für das neue Flughafenterminal in London-Heathrow. Auch das Tor zum Gästehaus der Bundesregierung in Meseberg hat der Betrieb gemacht. Kunstschmied ist ein rarer Beruf. Das Traditionsunternehmen muss sich seinen Nachwuchs selbst heranbilden. 50 Bewerbungen erhält er im Jahr, davon lädt er zehn zum Bewerbungsgespräch ein. "90 Prozent der Bewerber wissen gar nicht, was ein Schmied macht", sagt Fittkau. Wer im Gespräch einen guten Eindruck macht, wird zum Test geladen. Da sind Prozentrechnung und die Berechnung von Flächen und Körpern gefragt. Anschließend müssen Bewerber bei einer praktischen Übung zeigen, "dass sie keine zwei linke Hände haben". Doch die eigentliche Hürde ist der Mathe-Test: Die volle Punktzahl hat dabei noch nie ein Bewerber erreicht. "Dabei ist das alles Stoff aus der siebten Klasse", meint Fittkau, der einen Sohn in der achten Klasse hat. Er ist schon zufrieden, wenn über die Hälfte richtig beantwortet ist.
Jeder vierte Jugendliche eines Jahrgangs ist "nicht ausbildungsfähig", klagt der Generalsekretär des Deutschen Handwerks, Hanns-Eberhard Schleyer. Acht bis neun Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss. Jeder zweite Hauptschüler hat auch 13 Monate nach Schulende keine berufliche Ausbildung gefunden. Diese Jugendlichen jobben oder melden sich arbeitslos, sie absolvieren Berufsvorbereitungs- und Berufsgrundbildungsjahre, Praktika oder Bewerbertrainings - und versuchen es nach einem Jahr noch einmal, eine Lehrstelle zu ergattern. 2007 war schon jeder zweite Bewerber ein "Altbewerber", dessen Schulabschluss ein Jahr oder länger zurücklag.
Durch den Aufschwung am Lehrstellenmarkt können auch diese Jugendlichen auf eine Lehrstelle hoffen, meint DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun.
AUSBILDUNGSBONUS FÜR ALTBEWERBER
Für zusätzlichen Schub will die Bundesregierung sorgen. Sie verspricht jedem Unternehmen, das zusätzlich einen Altbewerber ausbildet, einen "Ausbildungsbonus" von bis zu 6000 Euro. Wichtiger als Subventionen wäre aus Sicht von Braun eine bessere Schulbildung.
"Wir würden auch einen Altbewerber nehmen - aber er muss die richtige Einstellung haben", sagt Fittkau. "Leistungswillig", soll er sein. Doch Fittkau ist skeptisch. "Wir hatten einmal einen jungen Mann da, der eine berufsvorbereitende Maßnahme machte." Fittkau wollte es mit ihm probieren, gab ihm drei Wochen Zeit, um sich auf den Einstellungstest vorzubereiten - doch er sah ihn nie wieder. Der Metallbauer setzt vor allem auf gute Haupt- und Realschüler. Doch wie sucht man einen Bewerber aus? Fittkau hat viele gesehen: den Jungen mit der dicken Goldkette, dessen erste Frage war: "Wie viel kriege ich denn hier?" oder den Bewerber, der beim Praxistest nach fünf Minuten erschöpft die Feile fallen ließ und es sich auf der Werkbank bequem machte.
Die meisten Jungen wollen Kfz-Mechaniker werden, klagt Fittkau. Den Metallgestalter kennt kaum jemand. Das kleine Unternehmen im Berliner Osten muss zudem mit Weltkonzernen mit großen Namen konkurrieren: mit Siemens, Schering oder BMW. Zudem, räumt Fittkau ein, wird im Handwerk traditionell schlecht bezahlt. Ein Metallgestalter bekommt im ersten Lehrjahr 352 Euro. Zum Vergleich: Der Pharmakonzern Bayer-Schering zahlt seinen Auszubildenden zwischen 750 und 900 Euro im Monat. Zunehmend werde es schwieriger, gute Bewerber zu finden. Dieses Jahr hat Fittkau noch Glück gehabt, seine drei Stellen sind besetzt. Doch bald, so fürchtet der Metallbauer, werden sich die Betriebe um die guten Jugendlichen reißen "wie heute schon um Ingenieure".
© Berliner Morgenpost 2008
Von Stefan von Borstel |