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Aufs Dach gezogen

29.11.2003
BERLINER ZEITUNG

Der Architekt Martin Wahl hat einen Neubau der 60er-Jahre umgebaut

Am Anfang war nur das Dach marode. Es musste also etwas getan werden an dem schlichten Wohnhaus am Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Da traf es sich gut, dass unter den Besitzern der 23 Eigentumswohnungen ein Architekt war: Martin Wahl. Der nahm die notwendige Reparatur zum Anlass für einen Umbau.

Gemeinsam beschlossen die Eigentümer, Wahl das Dach zu verkaufen. "Mit dem Preis für dieses Bauland haben wir anteilig die Sanierung des Hauses bezahlt", berichtet er. Aus dem vormaligen "16-Liter-Haus", wie Wahl es nennt, sei dabei ein energieeffizientes Gebäude geworden.

Am meisten fasziniert hat Wahl beim Umbau aber offenbar, sich nach vielen echten Neubauten und Sanierungen von Altbauten einmal mit einem Neubau aus den 60er- Jahren auseinanderzusetzen. "Ich habe nur leicht überhöht, was hier vorhanden war", sagt der 42 Jahre alte Architekt. Die Loggien der beiden neu aufgesetzten Dachgeschosswohnungen etwa nehmen die Achsen der darunter liegenden Balkone mit ihren farblich gefassten Eternitplatten auf. Innen blieb der langsame alte Aufzug erhalten, in dem man die Innentüren noch mit der Hand schließen muss. Neben der Haustür hängt wieder das Messingschild, das an den Bau des Hauses 1962 erinnert.

In einer der Dachgeschosswohnungen lebt Wahl heute mit seiner Frau. Der Besucher tritt unmittelbar in einen großen zentralen Raum, der die Funktionen von Diele, Küche, Ess- und Wohnzimmer vereint. Dahinter folgt ein Schlafzimmer, das ebenso gut ein geräumiges Atelier abgeben könnte.

Diese beiden Räume öffnen sich mit riesigen Fenstern nach Süden zum Landwehrkanal. Und damit zu einer Loggia mit einer gläsernen Brüstung
(Hersteller Stefan Fittkau GmbH). Die Loggia ist von drei Seiten begehbar; als schmaler Gang setzt sie sich über die ganze Breite des Hauses bis zur Loggia der Nachbarwohnung fort. Das hat freilich nicht nur gestalterische Gründe: Der Gang ist zugleich Fluchtweg.

Auf der kanalabgewandten Seite des Wohnung gibt es dagegen eher kleine Räume: Bad, Gästetoilette und zwei Zimmer, deren Funktion wechseln kann. Die meisten Einbauten in Bad und Küche hat Wahl selbst entworfen. Besonders gern verwendete er dabei einfarbige Glasmosaiken. Bei der Auswahl der Möbel setzt sich der Bezug zu den 60er-Jahren fort: Vor der Loggia steht ein dreieckiger Tisch mit abgerundeten Ecken. Und auf dem Boden liegt ein riesengroßer Teppich. Der stamme genau aus dem Baujahr des Hauses, sagt Martin Wahl.
Henrik Spiess
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