presse

Ein langer Weg.
15.02.2002
FAZ
Wolfgang Thierse besucht Mittelständler in Pankow
und spricht über die Zukunft Ostdeutschlands.

Für den Auftraggeber Bundesrepublik Deutschland hat Stefan Fittkau schon einiges geschmiedet. Den kunstvollen Zaun mit seinen goldenen Spitzen am Bundesrat etwa oder die Sonderanfertigung für das Kunstwerk von Daniel Buren im Arbeitsministerium; auch im Nato-Saal des Bundeskanzleramtes sind Metallarbeiten aus seiner Schmiede installiert, die am nordöstlichen Rand des Bezirks Pankow liegt. Zur Zeit restaurieren die 46 Handwerker des Metallbau- und Kunstschmiede-Unternehmens das historische Geländer, das das künftige Bundesverwaltungsgerichtsgebäude in Leipzig umgibt. Bei den Ausschreibungen für die Arbeiten am Reichstag aber, obwohl Fittkau sich um jeden Auftrag bemühte, „hatten wir kein Glück“. Andere waren immer billiger. Wie die das machten wisse er auch nicht, berichtet der junge Unternehmer Wolfgang Thierse, der sich am Aschermittwoch nach dem Befinden des Mittelstandes in seinem Ost-Berliner Wahlkreis erkundigt. Am Abend spricht er vor dem Wirtschaftsclub Berlin über die „Zukunft Ost“.

Zuvor aber erlebt Thierse ein Stück „Gegenwart Ost“, in der es die besuchte Kunstschmiede, die Schlosserei, die Tischlerei, das Pumpentechnik-Unternehmen, die Druckerei und das Beratungsunternehmen in Ost-Berlin nicht leichthaben. Thierse spricht mit den Firmeninhabern, blickt in deren Produktionshallen und Werkstätten, fragt nach Zahl der Beschäftigten, nach der Auftragslage und nach den Sorgen. So unterschiedlich auch die Branchen, die Produkte und die Charaktere der Firmenchefs sind, Thierse hört von allen ähnliche Klagen. So leiden die kleinen Unternehmen an der mangelnden Zahlungsmoral der öffentlichen Verwaltung. Stefan Fittkau etwa wartete nach getaner Arbeit über sieben Monate auf sein Geld von Bezirksamt Pankow. Nur schwer fänden sich gute und motivierte Mitarbeiter, berichtet der Ingenieur Uwe Würdig, der mit 30 Mitarbeitern Pumpen konstruiert und repariert. „Das ist keine leichte und manchmal auch eine schmutzige Arbeit. Wer will die heutzutage schon tun?“ sagt Uwe Würdig.

Den Tischlermeister Michael Herrmann plagt Ähnliches. Geeigneten Nachwuchs findet er kaum, Die Motivation, das Engagement und die Liebe zum Tischlerhandwerk „finden Sie unter 1000 Bewerbern höchstens einmal“, sagt seine Ehefrau Antje Herrmann, die das Büro für die Tischlerei macht, die sich auf die Restaurierung und Rekonstruktion von historischen Türen, Fenstern und Möbeln spezialisiert hat. Vom Schlosser Wilhelm Nickel hört Thierse, dass es „nur mit Hängen und Würgen“ gehe.
„Aber mit Hängen und Würgen, so geht es doch überall, auch in der Politik“, antwortet Thierse. Er möchte Mut machen. Treffender aber, wenn auch unfreiwillig, hätte Thierse die Bilanz der Regierungspolitik kaum beschreiben können.
Die Unzufriedenheit daran schlägt Wolfgang Thierse abends vor dem Wirtschaftsclub Berlin entgegen. Mit seiner Zustandsbeschreibung Ostdeutschlands sind die gut zweihundert mittelständische Unternehmer durchaus einverstanden. Sie nicken, als Thierse sagt, dass „wir vom Westen nichts mehr lernen können“ und der Weg, der „ vor uns liegt, länger ist, als der Weg hinter uns“. Auch dass das „Grundprinzip des Aufbau Ost als Alimentierung“ nicht zukunftsfähig sei, finden die Unternehmer ebenso richtig wie den Aufruf, dass sich der Osten mehr „selbst organisieren" müsse und das jetzt schon Strategien dafür entwickelt werden müssten, wie die Ost-Erweiterung der EU zum Aufbruch genutzt werden könne: „dies ist vielleicht unsere zweite Chance“, sagt Thierse.

Doch aus dem Publikum kommen weniger Meldungen zum Thema Ost-Erweiterungs-Strategien als vielmehr Kritik an den herrschenden Zuständen . Warum ist der Arbeitsmarkt so verkrustet? Warum hilft der Kanzler nur den Großen? Und warum denkt die Politik nur Vierjahres-Zeiträumen? Wolfgang Thierse weiß, obschon er oft so Richtiges sagt, darauf keine Antworten.

Jens Pottharst
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